Ein Jahrestag – wie die Zeit vergeht

Als ich am 9. Juni vor zehn Jahren aufstand, wusste ich nicht, dass dieser Tag für viele Menschen meiner Nachbarschaft ein schlimmes Ende haben würde. Ein Ende, dessen Folgen sie noch jahrelang heimsuchen sollte.

Ich wohnte in Köln. Als ich dort hinzog, hatte mir die Maklerin gesagt, der Vermieter werde mich gerne nehmen, obwohl ich meine Stelle erst neu angetreten hatte und keine langfristigen Einkommensnachweise vorlegen konnte. Bis dahin war meine Wohnungssuche in der Domstadt eine Odyssee gewesen, mit etlichen teils skurrilen, teils wirklich unangenehmen Begegnungen. Dass mir die Maklerin das Objekt in der Keupstraße überhaupt anbot, lag wohl daran, dass sie einige Bemerkungen von Vermietern über mich zu hören bekommen hatte, die eher weniger mit meiner Arbeitssituation, denn mit meinem Äußeren zu tun hatten. An „sowas“ vermietete man nicht in anständigen Kölner Mietshäusern. Der Eigentümer des Hauses in der Keupstraße, der selbst dort im ersten Stock logierte, empfing mich freundlich. Ihm war es offensichtlich genug, dass ich einen deutschen Pass hatte und fehlerfrei deutsch sprach. Normalerweise wäre das für mich eher ein Grund gewesen, dort nicht einzuziehen, aber in diesem Fall konnte ich es mir nicht wirklich aussuchen.
Die Wohnung erwies sich als preiswert, gemütlich und mit wenig Mängeln versehen; mein Mann und ich lebten dort drei Jahre recht glücklich. Die Nachbarschaft bot uns alles, was wir zum Leben brauchten: diese Straße lebte von den kleinen türkischen Geschäften. Die Juweliere und Reisebüros entsprachen zwar nicht unserem Bedarf; um so mehr jedoch Bäckereien, Lebensmittelgeschäfte und verschiedene Möglichkeiten, vom billigen Imbiss bis zum über Köln hinaus bekannten Restaurant, halal essen gehen zu können.
Ich liebte dieses Viertel. Seit Langem hatte ich mich nicht mehr so sicher gefühlt, wenn ich auch manchmal spät nach Hause kam. Nach einiger Zeit kannte man mich; kam ich in die Bäckerei, wo wir fast jeden Tag ein Fladenbrot kauften, konnte es mir passieren, dass ich zu hören bekam: „Schwester, dein Mann war schon da, du brauchst nichts zu kaufen.“ Ein freundlicher Mikrokosmos, ein Dorf in der Großstadt.

Bis zu jenem Tag vor zehn Jahren.

Ich bog um die Ecke und wollte die letzten fünfzig Meter zu unserer Haustür gehen. Es war gegen fünf Uhr, ich kam aus dem Büro. Vor mir zog sich rot/weißes Absperrband über die Straße, eine Menschentraube drängte sich davor, ich sah Neugierige, aber auch einige mit völlig verstörten Gesichtern. Hinter dem Band war die Straße mit Glassplittern und herumliegenden Gegenständen bedeckt. Die Glasteile glänzten teilweise rötlich, dort, wo sie in Blutlachen lagen.
Die nächste Viertelstunde, bis ich meinen Mann auf dem Handy erreichte, der normalerweise genau zur Zeit der Explosion dort hätte vorbeikommen müssen, durchzitterte ich wie selten ein Stück meines Lebens. Er lebte und war dank der Gnade Gottes unverletzt – eine Besorgung für mich hatte ihn aufgehalten.
Viel später durfte ich zu ihm in die Wohnung, er hatte sie noch vor der Absperrung erreicht, aber nicht mehr hinausgehen dürfen. Noch in den Spätnachrichten hörten wir, wie der damalige Innenminister betonte, es sei ein Verbrechen, aber es bestehe kein Grund, von einem fremdenfeindlichen, gar rechtsterroristischen Anschlag auszugehen. Das Blut auf der Straße schimmerte noch feucht, als er dies ausschloss – obwohl die Verletzten ausschließlich Menschen mit türkischem Hintergrund waren. Tote hatte es nicht gegeben, trotz 5 kg Sprengstoff und ca. 700 langen Nägeln. Insofern war diese Bombe wohl für die Täter eher ein Fehlschlag, statt 22 teils schwer Verletzten hätte es gut genauso viele Tote geben können.

Sieben Jahre lang wurden die Täter nicht identifiziert, obwohl es Bilder einer Überwachungskamera gab – und man diese nie mit den Fahndungsfotos verglich, unter denen man zwei gesuchte Neonazis mit Bombenerfahrung hätte finden können. Sieben Jahre lang wurde im „Umfeld“ der Opfer ermitteln, bis sich selbst Familien und Freunde teilweise abwandten, da ja an den Verdächtigungen etwas dran sein könnte, irgendetwas mussten die Opfer ja an sich gehabt haben.
In der Straße, unter den Geschädigten, kochte die Wut. Auch bei mir. Ich verfolgte die Anschläge quer durch die Republik seit Längerem. Die Serie der „Ceska-Morde“ hatte ich im Auge: Gemeinsam war den Opfern die türkische/griechische Nationalität und die Tatsache, dass sie alle kleine Gewerbetreibende gewesen waren. So wie so viele in meiner Straße. Die Polizei jedoch konnte – oder wollte? Oder sollte? – diesen Zusammenhang nicht sehen.
Sieben Jahre später stellte sich heraus, dass mein Instinkt mich wohl auf die richtige Spur geführt hatte. Heute steht in München eine Frau vor Gericht, die für diesen Anschlag zusammen mit zwei inzwischen Toten verantwortlich sein soll. Die Ähnlichkeit der beiden Toten mit den damals aufgenommenen Bildern ist verblüffend. Damals hätte ein Blick in die Fahndungsliste gereicht, um sie zu identifizieren. Damit hätte man sie vielleicht nicht schneller gefasst, aber zumindest den Familien diese jahrelange psychologische Folter zusätzlich zu der Traumatisierung durch die Verletzungen erspart.
Über die „Ermittlungspannen“ ist in der Presse berichtet worden. Ob die Gründe dafür jemals aufgeklärt werden, bezweifle ich. An jenem Tag gingen nicht nur Fensterscheiben zu Bruch, sondern auch ein großer Teil Vertrauens in den deutschen Staat. Das wird auch von keinem Lippenbekenntnis, das seither zu hören war, wieder hergestellt. Auch die Gedenkfeier heute kann das nicht leisten.

Was in jenen Tagen und bis heute jedoch auffiel, war die gute Nachbarschaft. Nicht nur der Menschen untereinander, sondern auch der Medienschaffenden in der nächsten Straße, dort, wo auch Fernsehsendungen produziert wurden. Es war deren Überwachungskamera, die die Täter aufnahm. Von dort kam Unterstützung auch beim ersten Keupstraßenfest, und auch heute werden wohl bekannte Künstler zu erleben sein. Viele, die dort arbeiten, gehören auch zu den Kunden der Restaurants, gehen oft zu Mittag oder abends dort essen – von ihnen hatte es, wohl aufgrund der Tageszeit des Anschlags, niemanden getroffen.

Eine weitere wichtige Frage bleibt offen: Wer hat den vermutlichen Tätern, die in ihrer eigenen Biografie keinen Bezug zu Köln aufweisen, die Keupstraße als interessantes Anschlagsziel nahegelegt? Die Angeklagte schweigt. Wen schützt sie?

4 Gedanken zu „Ein Jahrestag – wie die Zeit vergeht

  1. Vor ein paar Tagen war ich „hier“ beim 4. Jahresgedenken an Mehmet Kubasik, einem weiteren Ermordeten der NSU. Es sprach ein Vertreter des Keupstraßen-Vereins. Schlagartig war alles wieder da: das Bangen, das Nichtdurchkommen am Telefon, und dann die Erlösung: euch geht es gut. Allah sei noch einmal Preis und Dank dafür!

    Aber mit Dank darf es nicht genug sein. Die Strukturen müssen durchleuchtet, die Täter, Mitwisser und Hinterleute zur Rechenschaft gezogen, der immer deutlicher werdende (strukturelle) Faschismus bekämpft werden.

    Unbequem, laut, lästig. Kein Vergessen, kein Vergeben. Nicht an diesem Punkt.

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