Heimat?

Katja Wenk rief auf ihrer Seite zu einer Blogparade zum Thema „Was ist Eure Heimat?“ auf. Ich bin lange um das Thema herumgeschlichen, während dort ein interessanter Beitrag nach dem anderen verlinkt wurde. Nun, kurz vor Toresschluss, habe ich mich doch noch durchgerungen, auch wenn meine Worte den Bildern mal wieder nicht gerecht wurden.

 

Heimat?

Ich wuchs in einer sehr kleinen Kleinstadt auf. Vom Dorf unterschied sie sich vor allem durch die Abwesenheit von mehr als sehr vereinzelter Landwirtschaft. Die Familienstrukturen jedoch bestanden, jahrhundertelang gewachsene Verwandtschaften und Vertrautheit.

Meine Eltern, von Berufs wegen zu einer Zeit, als das noch nicht üblich war, neu in diese Umgebung versetzt, waren erst einmal Fremde. Nicht ganz so misstrauisch beäugt wie die diversen Flüchtlingsgruppen aus dem Osten, aber doch mit Abstand.

In den ersten Kinderjahren merkte ich das nicht so sehr. Zuerst fiel mir nur auf, dass wir die einzigen Kinder waren, die weder Oma, noch Onkel, noch Cousins im Ort hatten. Für uns bedeuteten Verwandtschaftsbesuche immer größere Ereignisse, man tauchte nicht einfach auf wie bei Nachbarn.

Je älter ich wurde, desto mehr wuchs dadurch ein Gefühl der Fremdheit, des nicht dazu Gehörens. Eine Abstoßungsreaktion, bis hin zu dem, was man heute Mobbing nennen würde.

Kein Gefühl für landschaftliche Schönheit konnte da etwas wie „Heimat“ als Gefühl erhalten. Es blieb die Ersatzheimat: das Dorf meiner Großmutter. Obwohl auch da keine weiter Verwandtschaft lebte, war doch meine Mutter dort aufgewachsen, sagten ihre alten Schulfreunde bei meinem Anblick: „Guck, so sah ihre Tante aus, als wir so alt waren.”  In welcher Straße ich auch herumstromerte, nirgendwo gab es Bedenken, dass ich dort fehl am Platze sein könnte. Ställe, Koppeln, Flussufer – Freiheit. Und: Geschichte. Gräber auf dem Friedhof, in der Kleinstadt gehörte der Friedhof nur den anderen. Hier ging man am Sommerabend regelmäßig mit Oma gießen. Ich kannte die Gräber.

Und das Haus. Erst viel später verstand ich, dass es für meine Mutter eben nicht Heimat war – ihre Mutter hatte es nach dem Tod meines Opas als Witwensitz bezogen, da die Dienstwohnung wegfiel. Für mich bedeutete dieses völlig verbaute Gebäude aus den zwanziger Jahren ein ganz anderes Zuhause, der große Bauerngarten Spielplatz und Naschplatz. Wenn wir nach einem Besuch wieder abfahren mussten, schmerzte das. Lieber wäre ich geblieben.

Nach dem Abitur verließ ich die Kleinstadt, ohne mich umzusehen. Besuche dort gelten ausschließlich meinen Eltern, sonst ist dort nichts Anziehendes für mich. Das Haus im Dorf jedoch wurde kurz darauf verkauft. Wenn ich bisweilen zum Friedhof fahre, auf dem auch meine Oma begraben wurde, stehe ich am Gartenzaun und habe ein wenig Heimweh. Die meisten der großen Obstbäume hat der neue Eigentümer gefällt, das Haus wirkt nackt, ein neuer Wintergarten verändert den Eingang.

Keine Heimat mehr.

Die Liste meiner Umzüge, meist dem nächsten Jobangebot folgend, ist sehr lang. Eine Heimat, so wie ich mir das als Kind vorstellte, fand sich dabei nicht. Ich wurde eine dauerhaft Reisende, mit Rastplätzen am Weg. Einige dieser Wohnorte hätte ich gerne zu meiner neuen Heimat gemacht, aber mit der Zeit lernte ich, mich mit dem vorübergehenden Wohlfühlen zu begnügen. Hier und da bleiben sichtbare Erinnerungen, auch Gräber. Deren Nähe, die ich, wenn möglich, aufsuche, vermittelt noch immer einen Eindruck von Dauerhaftigkeit.

Seit letztem Jahr pflanze ich Bäume – zum ersten Mal in meinem Leben. Ich möchte unter ihrem Schatten älter werden, rechne aber damit, dass der Schatten auch anderen dienen könnte, so wie schon heute anderen Lebewesen. Meine Hände in der Erde – ist das Heimat? Vielleicht.

2 Gedanken zu „Heimat?

  1. Pingback: Blogparade: Was ist Eure Heimat? | KatjaWenk.de

  2. Pingback: Ganz viel Heimat: Das Fazit zur Blogparade | Katja bloggt

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s