Wer liest was?

Alle, die schreiben oder verlegen fragen ja nach dem „Zielpublikum“ – zumindest, wenn sie damit Geld verdienen wollen. Und so befasst sich auch ein Artikel der NZZ mit geschlechtsspezifischem Leseverhalten. Frauen Romane, Männer Zeitungen und Sachbücher. Mir ist das etwas zu einfach gestrickt, schlimmer aber finde ich noch die Schlussfolgerung:

Die von Männern gelesenen Genres (Essay, Geschichtswerke, politische Bücher, klassische Literatur) entscheiden über den Rang von Zeitung oder Zeitschrift: Qualität ist männlich, beim Verfasser wie beim Rezensenten. Kaum je reüssieren Frauen als Schriftstellerinnen in Verlagen in diesen Gattungen, kaum je lesen Frauen als Leserinnen solche Bücher, selten rezensieren sie sie. Je mehr Männer im Programm, desto höher das intellektuelle Niveau, desto stolzer der Verlag, die Zeitung, die Zeitschrift auf sich selbst.

Die Verlage allerdings kalkulieren zunehmend mit der Romanleserin und dem aus ihrer Leselust zu ziehenden Gewinn. Höchstens die von Männern bevorzugte biografische Literatur hält einem Vergleich damit stand. Goethe, Napoleon, George sind sichere Investitionen. Gattungen hingegen, die wie der Essay historisches Wissen nicht erst vermitteln, sondern es voraussetzen, scheinen auszusterben. Den Essay ersetzt ein neuer Typ von Ratgeber- und Sachbuch, der aus weiblicher Moral und männlichem Pragmatismus gemacht ist, in dem es um Kindererziehung, Mobbing, Doping, Altenpflege, Geldanlagen geht. Je nach Familienstand und Beschäftigungslage kann sich der weibliche oder männliche Leser sein Thema aussuchen. Der «all-age-literature» wäre so eine «unisex-literature» an die Seite zu stellen – eine Literatur, die Moral und Lebensbericht, pragmatische Unterweisung und Erzählung verbindet und die Wiedervereinigung der Geschlechter vorbereitet. Vorläufig aber gilt noch für das Verhältnis von Mann und Frau die Devise: vereint leben, getrennt lesen.

Ist das wirklich noch immer so?

Und brauchen wir die künstliche Kreation einer „unisex-literature“? Scheußlicher Begriff, noch scheußlicherer Gedanke, dass dann gezielt nach Autoren gesucht würde, die diese angebliche Martklücke füllen sollen.

Oder sehe ich das falsch?

16 Gedanken zu „Wer liest was?

  1. Also, wenn es stimmt, was ich da mal aufgeschnappt habe, dann sind die Käufer belletristischer Literatur zu 80 % weiblich. Wenn man sich umschaut, dann versuchen die Buchhandelsketten dieser Statistik gerecht zu werden und sind besonders frauenfreundlich durchgestaltet (im Gegensatz zu einer Elektronik-Schnickschnack-Kette😉

    • Findest du? Ist mir noch nicht aufgefallen – gut, vielleicht gehe ich zu selten in Kettenläden.

      Oft stelle ich aber fest, dass die Bestückung der Tische am Eingang zum Gähnen ist, Interessantes muss man hinten oder im anderen Stockwerk suchen.

      • Yep. Du gehst definitiv zu selten in Kettenläden.

        Sag mal, wenn du so schwer an Bücher kommst, schon mal Gedanken über eBooks gemacht? Ist ja auch ein heißes Thema. Könntest du mal aufgreifen😉

      • Könnte ich, es gab da letztens verschiedene Artikel zum Thema.
        Für mich selbst sehe ich das nicht, weil ich erstens furchtbar ungerne am PC lese, zweitens bräuchte ich dann wieder ein Bezahlkonto bei einer passenden Bank. Mit meiner geht das nicht – und ich bin ein Sicherheitsfreak, mag weder Paypal noch sonstige Dienste.
        Was mich anfrisst, ist, dass Amazon zwar hierher liefert, aber zu idiotischen Kosten.

      • Habe ich tatsächlich noch nie probiert – aber auch da gilt: money, money.
        Und das Problemchen mit der Bezahllogistik stellt sich ebenfalls.

  2. Ich bin der Meinung, dass es schon genug Schubladen im Literaturbetrieb gibt, allen voran die Genreeinteilung. Da braucht es nicht noch eine zusätzliche Vorgabe, welche Literatur für welche Leser geeignet ist.

    Diese Einteilungen empfinde ich bisweilen äußerst einschränkend. Man stelle sich vor, eine relativ unerfahrene Leserin steht vor den unzähligen Regalen der Buchhandlung und sieht die großen Beschriftungen: Männerlektüre, Frauenlektüre, Krimis, ChickLit….. Und wenn sie nun denkt: „Männerlektüre? Nein, ich bin doch eine Frau, da gehe ich lieber schnell an diesem Regal vorbei!“, dann lässt sie sich doch automatisch in ihrer eigentlich freien Auswahl beeinflussen, obwohl vielleicht ausgerechnet in dem Männeregal genau das Buch steht, das ihr ausnehmend gut gefallen würde.
    Dieses durchaus mögliche Szenario und die damit verbundene Einschränkung fänd ich äußerst schade.

    Die Kategorisierung von Büchern nach Genre sehe ich als grobe Orientierungshilfe. Doch wenn nun auch noch die Einteilung nach geschlechtsspezifischer Literatur eingeführt wird, bestärkt das doch nur das oben beschriebene Leseverhalten und presst die breite Leserschaft in Ecken.
    In meinen Augen ist gerade die Vielfalt an Büchern und deren Inhalten das Schöne und diese „grenzenlose“ Vielfalt hilft glücklicherweise dabei, den eigenen literarischen Horizont ein wenig erweitern zu können.

    Was das Leseverhalten allgemein betrifft, kann ich das zum Teil bestätigen. Ich z.B. kenne wesentlich mehr Frauen, die Bücher lesen, als Männer. Die Männer aus meinem Umfeld halten sich eher an Magazine, Zeitschriften und Zeitungen.
    Doch wenn ich den Blick von diesem kleinen Kreis abwende, sehe ich auch viele Männer, die dicke Romane lesen und viele Frauen, die täglich zur Zeitung greifen oder sich für Sachbücher begeistern können. Man schaue sich nur die ganzen Literaturblogs und deren Betreiber an. Gerade die Männer sind da stark im Kommen.

    Danke für diesen interessanten Denkanstoß und liebe Grüße,
    Ada

    • Dank zurück, auch für den ausführlichen Kommentar und das Verlinken.
      Die Einteilung hat ja noch mehr Probleme: die Verlage versuchen, bei der Auswahl von Manuskripten vorzusortieren, das bedeutet aber, dass vielleicht gute Bücher, die nur nicht in eine Rubrik „passen“ wollen, abgelehnt werden.

      Die nächste Auswahl trifft dann der oder die, die in der Buchhandlung für die Bestückung der Regale zuständig sind – da habe ich schon manchmal über die Klassifizierung des ein oder anderen Buches erstaunt den Kopf geschüttelt, weil ich es unter Oberbegriffen fand, wo es meiner Meinung nach gar nicht hingehörte.

  3. Pingback: Heut gibt’s Diskussionsstoff! « Ada Mitsou liest…

  4. OMG! Also diesen Ausschnitt, den du hier reinkopiert (?) hast finde ich ehrlich gesagt total sexistisch. Der sagt ja unterschwellig praktisch aus, dass Männer intelligent sind und deswegen eher anspruchsvolle Literatur lesen und die Frauen eher dumm, sodass ihnen einfache Unterhaltung genügt. Wirklich sehr nett, diese Aussage. Ich selbst mag zwar keine Biographien zB, keine aber eine FRAU, die sie gern liest. Dafür lese ich sehr gerne auch mal klassische Literatur, auch als Frau.

    Umgekehrt gibt es auch Männer, die lieber Romane lesen.

    „Qualität ist männlich“, klar, logisch. Sowas kann auch nur ein Mann schreiben, aber deswegen ist der Text vermutlich auch so qualitativ hochwertig

    • Der Text ist von einer Frau, und der Essay, auf den sie sich bezieht, ebenfalls. Sonst wäre es mir vielleicht den Artikel hier nicht wert gewesen.

      Aber es scheint tatsächlich so zu sein, dass das Leseverhalten unterschiedlich ist. Daraus dann einen derartigen Rückschluss auf Qualität zu ziehen, ist aber das Übliche. Ebenso wie Berufe anfangen, schlechter bezahlt zu werden, wenn zu viele Frauen sie ergreifen, will man hier Qualität anhand der Leserschaft bestimmen – ein merkwürdiger Ansatz.

      @alle: tut mir leid, dass ich so spät freischalte, ich werde die Funktion noch ändern.

  5. Mh, also in meinem Freundes- und Bekanntenkreis kann ich schon gewisse geschlechterspezifische Unterschiede im Leseverhalten wahrnehmen, aber die haben nix mit der Qualität des Gelesenen zu tun. Ich habe Kumpels, die gerne spannende Geschichten lesen, und denen der Stil zum Beispiel nicht wichtig ist, solange sie von der Handlung gepackt werden. Ich habe aber auch Kumpels, die von sich behaupten, ausschließlich „hohe Literatur“ (und nein, ich definiere das hier jetzt nicht) zu lesen.

    Ich denke, es kommt eben ganz einfach auf den Menschen und nicht auf das Geschlecht an.

    Trotzdem gibt es da im Alltag Klischeefallen. In unserer Bücherei kleben auf den Büchern ja immer so Genre-Zettelchen drauf. Auf einigen steht zum Beispiel „Männer“ oder auch „Frauen“. Ich habe mich selbst schon dabei ertappt, dass ich die „Männer“-Bücher nur ungern in die Hand nehme, wenn ich einfach nur stöbere. Ich lasse mich also voll manipulieren. Um dem entgegenzuwirken, stöbere ich nicht mehr in unserer Bücherei, sondern suche vorher online nach Romanen, die ich mir ausleihen möchte.

    Und noch eine meiner Vorurteilsfallen: Bis vor kurzem dachte ich, dass Flattersatz, der den Literaturblog aus.gelesen betreibt, eine Frau ist. Warum? Weil da so schöngeistig über Schöngeistiges geschrieben wird. So zart, so poetisch manchmal. So differenziert. Bumms, und schon saß ich in der Falle und dachte, Flattersatz wäre eine Frau. *möp* Aber danke fürs Mitspielen. Ich habe aus dieser Erfahrung jedenfalls gelernt und versuche seitdem, meine Wahrnehmung offener zu gestalten.😉

    P.S.: Es freut mich übrigens ganz besonders, Rheinsberg, dass dein neuer Blog literarische Inhalte hat!🙂

    • Mir war sie bislang kein Begriff – aber es war schon mit ein Grund, dass ich mich mit diesem Artikel beschäftigte, dass nicht nur der, sondern eben auch der zugrunde liegende Essay von einer Frau stammte.

      Danke – noch sinds drei oder vier Tage bis Ramadan. Grüße nach Mexico!

  6. Pingback: Kleine Linkliste zum Thema Blogs/Bloggen/Bloggerinnen « LeseLustFrust

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s