Von deutscher – nicht-jüdischer und nicht-muslimischer – Seite wird seid langem jeder Hinweis darauf, dass es Ähnlichkeiten zwischen der Behandlung der muslimischen Community heute und der der jüdischen Community früher gebe, schärfstens kritisiert und so hart wie möglich abgestraft. Das gilt insbesondere dann, wenn der Hinweis von einem Muslim kommt. Dann heißt es, man gefalle sich wohl in der Opferrolle, oder man relativiere den Nationalsozialismus oder…
Ob man damit meint, der jüdischen Seite damit einen Gefallen zu tun? Das könnte ein Irrtum sein.
Denn dort erkennt man durchaus gewisse Parallelen – und spricht sie auch an:
„Als bewusste deutsche Jüdin erkenne ich in der jetzigen Kopftuchbatte viel von der alten Forderung an die Juden im 19. und 20. Jahrhundert wieder, nach der sie nur dann gleichwertige Bürger im deutschen Staat sein dürfen, wenn sie jeglicher äußerer Zeichen ihres Judentums entsagen – wobei die Mehrheitsgesellschaft natürlich weiterhin unhinterfragt ihre christliche Werte- und Kulturdominanz ausüben darf. Als Feministin erkenne ich jedoch noch andere Vergleichsmomente wieder. Ich war schockiert, als ich von einer Muslima erfuhr, dass sie keine Richterin werden kann, obwohl sie die deutsche Staatsbürgerschaft hat, perfekt Deutsch spricht und mit glänzenden Noten ihr (deutsches!) Jurastudium absolviert hat – weil sie das Tuch trägt. Die subtil-arroganten Demütigungen, die sie seitens ihrer KollegInnen erleben muss, erinnern mich stark an Erfahrungen der ersten Juristinnen vor dem Ersten Weltkrieg, die damals mit den fadenscheinigsten Begründungen nicht zu allen juristischen Berufen zugelassen wurden.“
Elsa Klaphek, Rabbinerin (http://www.hagalil.com/archiv/2003/10/kopftuch.htm )
Ebenso kommt eine Absage an die evangelische Kirche, bei deren Versuch, Muslime auszugrenzen:
„Als Jude hat mich deshalb bestürzt, welchen Ansatz die EKD mit ihrer Handreichung „Klarheit und gute Nachbarschaft“ im November 2006 eingenommen hat. Was als Einladung zum Gespräch verkauft wurde, machte den jüdischen Leser doch sehr nachdenklich, wenn man in dem Text das Wort „Muslim“ durch „Jude“ ersetzt.
Ja, der jüdisch-christliche Dialog sei mit der Beziehung zu den Muslimen gar nicht zu vergleichen, wird von christlicher Seite behauptet. Juden und Christen teilten sich die gleiche Heilige Schrift und hätten das gleiche Gottesbild. Als Jude macht mich das stutzig. Denn über viele Jahrhunderte hinweg wurden Juden von Christen auf das Grausamste verfolgt, ausgegrenzt, verhöhnt und ermordet. Die Scham über das große Versagen beider Kirchen während des Dritten Reichs war die Grundlage von sechzig Jahren intensiver Annäherung des Christentums an das Judentum, mit teilweise grotesken Phasen des Philosemitismus. Kann das aber Jahrhunderte der guten Nachbarschaft zwischen Juden und Muslimen aufwiegen? Nein. Denn beide wissen sich einig in einem gemeinsamen Gottesbild und einig in ihrer Kritik an der Trinitätslehre als Abschwächung des Monotheismus. Christen müssen sich vergegenwärtigen, dass ihre Trinitätslehre dem Judentum ferner liegt als die Lehre des Islam und dass Juden und Muslime lange Phasen gemeinsamer Erfahrungen verbinden, etwa die der Kreuzzüge oder der Reconquista; Juden müssen sich daran erinnern, dass die vorherrschende jüdische Philosophie im Mittelalter im islamischen Raum und in arabischer Sprache entstanden ist und dass die Festschreibung unserer Glaubensgrundsätze durch den mittelalterlichen Rechtsgelehrten und Religionsphilosophen Maimonides im 12. Jahrhundert dem Beispiel Mohammeds folgt.“
Prof. Dr. Walter Homolka, deutscher Rabbiner, Rektor des Abraham-Geiger-Kollegs an der Universität Potsdam
http://islam.de/9431.php
Beides sind Beispiele dafür, dass in der jüdischen Community dankenswerter Weise man nicht der Versuchung erliegt, das ungelöste Israel/Palästina-Problem auf das jüdisch-muslimische Verhältnis in Deutschland zu übertragen. Vielmehr überwiegt offenkundig ein klarsichtiger Blick auf die Geschichte.
Die muslimische Seite sollte für die Zurückhaltung der „abrahamitischen Cousins“ dankbar sein. Auch jetzt hat sich der Zentralrat der Juden wieder geweigert, sich instrumentalisieren zu lassen.
Sehr zum Entsetzen der deutschen Öffentlichkeit wurde nämlich der Direktor der Zentrums für Türkeistudien mit folgendem zitiert:
„“Obwohl sich unter diesen unseren Menschen, die sich seit 47 Jahren in der Mitte und im Westen des alternden Kontinents niederlassen, 125 000 Unternehmer befinden…, sehen sie sich einer Diskriminierung und Ausgrenzung ausgesetzt, der schon die Juden, wenn auch auf einer anderen Skala und in unterschiedlicher Erscheinung, ausgesetzt waren.“
Das wurde ausgelegt, dass er die Muslime als „die neuen Juden Europas“ bezeichnet habe. Es folgten längere Presseberichte, eine Entlassung Sens wird diskutiert, man hat ihm bereits Hausverbot erteilt.
Im Sinne des ZdJ? Offensichtlich nicht. Dessen Geschäftsführer, Dr. Kramer, nahm Sen ausdrücklich in Schutz:
„“Faruk Sen ist seit Jahrzehnten ein Freund der jüdischen Gemeinschaft nicht nur in Deutschland.“
Sen sei weder ein Holocaustrelativierer noch ein Antisemit. Er habe die Kolumne in der türkischen Zeitung „Referans“ geschrieben, um einem jüdischen Unternehmer in der Türkei, der die dortige Fremdenfeindlichkeit verurteilte, beizustehen.“http://www.rp-online.de/public/article/panorama/deutschland/584194/Rueckendeckung-fuer-Faruk-Sen.html
Die anstehende Entlassung Sens sei «unseriös», zitiert die Zeitung weiter aus dem Brief. Er verfolge die Diskussion hierüber mit «Befremden und Unverständnis», schrieb Kramer.http://www.suedwest-aktiv.de/region/dpa/topthemen/3674587/artikel.php
Sen ist seit langem umstritten – man kann zu seiner Arbeit und seinem Auftreten stehen, wie man will. Ihn aber unter diesem Vorwand aus dem Amt zu entfernen, dürfte nun wesentlich schwieriger sein, wenn diejenigen, als deren Interessenwalter man sich wohl versteht, nichts davon wissen wollen und sich weigern, dafür als Vorwand stehen zu sollen.
Deutschland wird damit leben müssen, dass sich seine jüdischen und muslimischen Bürger nicht gegeneinander ausspielen lassen. Ebenso ist es eine Tatsache, dass bestimmte Mechanismen im Umgang mit Muslimen durchaus an Zeiten des späten Kaiserreiches oder noch später erinnern. Wenn schon den Muslimen nicht erlaubt ist, dies laut festzustellen, ist es ehrenwert, wenn es von jüdischer Seite um so unangreifbarer getan wird.